„Jetzt den nächsten Schritt gehen“

01.11.2017

DIGITALISIERUNG | Mit einer schlanken End-to-End-Software namens „Stadtwerk365“ will die Leonberger IT Vision Technology GmbH (ITVT) ab 2018 im Energiemarkt punkten. BWK sprach mit ITVT-Geschäftsführer Jochen Klipfel und Marc Schütt, Principal Consultant & Geschäftsführer der ITVT Consulting GmbH, über Marktanforderungen und IT-Bedürfnisse der Branche in Zeiten der Energiewende und Digitalisierung.

Meine Herren, Sie haben das Ohr am Puls der Energiewirtschaft. Welche Themen bewegen aus Ihrer Sicht Stadtwerke und Energieversorger aktuell besonders? Wo drückt der Schuh?

Klipfel: Die Mainstream-Themen der Digitalisierung sind in der Energiewirtschaft angekommen: Industrie 4.0, Internet of Things, Big Data, Blockchain – um nur einige Stichworte zu nennen. Es geht um mehr Prozessexzellenz, also darum, die eigene Wertschöpfung unter dem zunehmenden Kosten- und Effizienzdruck zu optimieren. Parallel steigt der digitale Reifegrad der Kunden. Beispielsweise nimmt die Zahl der Prosumer zu, die als Abnehmer und Erzeuger von Energie ganz andere Betreuungsund Abrechnungsprozesse erfordern. Vertriebe sind ferner gefragt, neue energienahe Produkte und Services zu entwickeln und in Kombination mit Commodity-Produkten zu vermarkten. All dies führt dazu, dass sich die Geschäftsprozesse rasant verändern.

„Zielgruppenspezifisches Agieren gefragt“

Schütt: Meine Wahrnehmung ist, dass darüber hinaus in immer stärkerem Maße Differenzierungsmöglichkeiten für unterschiedliche Kundensegmente gefragt sind. Das heißt, bei Aufgaben wie Neukundengewinnung und Kundenbindung ist zielgruppenspezifisches Agieren gefragt. Ein plakatives Beispiel: Junge Menschen haben in Bezug auf Angebote, Ansprache und Kommunikationswege andere Wünsche als ältere Menschen. Das bedeutet für die Versorger einen Spagat: Auf der einen Seite die Notwendigkeit der Flexibilisierung und der Individualisierung von Produkten und Prozessen, auf der anderen Seite der Zwang zur Effizienzsteigerung. Mit den Hilfsmitteln der Digitalisierung ist dieser Spagat zu schaffen.

Was bedeutet das für die IT-Landschaft bei Stadtwerken und Energieversorgern?

Klipfel: Die Unternehmen arbeiten heute in der Regel mit einem klassischen ERP-System sowie einer Vielzahl weiterer Tools für CRM, EDM, Kalkulation und Marktkommunikation etwa. Die Systeme sind monolithisch gewachsen, nur unzureichend integriert und auf starre Prozesse ausgerichtet. Das Bedienen dieser Systeme erfordert eine hohe Qualifikation der Sachbearbeiter. Aufgrund von Medienbrüchen sind die Durchlaufzeiten für bestimmte Vorgänge und die Fehlerquoten hoch. Diese Systemlandschaften sind nicht fit für Energy 4.0. Es wird unabdingbar sein, die Systeme neu auszurichten und zu integrieren, die Prozesse durchgängig zu gestalten und manuelle Interaktionen auf ein Minimum zu reduzieren.

„Völlig neue Markt- und Prozessanforderungen“

Schütt: Das Management von Prosumern, um das Beispiel noch einmal aufzugreifen, verändert die Abläufe. Der Strom wechselt das Vorzeichen, das heißt, bei diesen Kunden müssen Energieversorger in den IT-Systemen sowohl Verbrauchsabrechnungen erstellen als auch die vom Kunden eingespeiste Energie abrechnen können. In diesem Fall ist der Kunde Leistungserbringer und der Versorger bezieht die Leistung. Auch Mieterstrommodelle erfordern spezielle IT-Unterstützung. Die Branche steht vor völlig neuen Markt- und Prozessanforderungen. Das Motto lautet: Weg von Datensilos und Einzelfallbearbeitung, hin zu workflow-basierter Prozessabwicklung. Dazu bedarf es eines Systems, das als Generalist im Hintergrund die gängigen Standards hochautomatisiert entlang der gesamten Prozesskette als Allin-One-Lösung unterstützt, aber zugleich ein hohes Maß an nachhaltiger Flexibilität mitbringt.

Dies verspricht Ihr neues Produkt, Stadtwerk365. Aber können andere IT-Lösungen das nicht auch?

Schütt: Wir gehen einen konsequenteren Weg. Bestehende Systeme in entsprechender Weise anzupassen, ist sicherlich schwieriger und weniger effektiv zu bewerkstelligen, als ein neues System zu bauen, das von vornherein auf zukünftige Anforderungen zugeschnitten ist. Wir nutzen die Chance, auf Basis eines technologisch führenden Standards, wie es das Microsoft-Dynamics-Umfeld bietet, eine neue Lösungsplattform aufzubauen. Da wir bei unseren bisherigen Produkten für den Energiemarkt sehr früh auf cloud-basierte Services gesetzt haben, profitieren wir von den Erfahrungen, die wir zusammen mit unseren Kunden gemacht haben. Mit denen stehen wir im engen Austausch und entwickeln gemeinsam das neue Produkt. Wir wollen die richtigen Schritte gehen und keine Blindleistung erzeugen.

Ihre Botschaft ist also, Energy 4.0 braucht Informationstechnologie 4.0?

Klipfel: Das ist genau der entscheidende Aspekt. Der Energiemarkt wird sich durch die Digitalisierung mit großer Dynamik weiterentwickeln. Wir werden zahlreiche neue Geschäftsprozesse in der Versorgungswirtschaft erleben, die nach flexiblen Software-Architekturen und Lösungen verlangen. Diese Dynamik muss das IT-System mit Funktionalität und Schnittstellen-Readiness unterstützen – und nicht bremsen.

„Abbildung der wesentlichen Prozesse im Vertrieb“

Wo liegt die Basis für das neue Produkt?

Klipfel: Wir arbeiten seit mehr als 15 Jahren für die Energiebranche und haben seither Lösungen auf Basis von CRM im weitesten Sinne bereitgestellt. Dabei haben wir eine gute Strecke des Weges zur neuen Energiemarktlösung schon beschritten. Für uns ist es konsequent und folgerichtig, jetzt den nächsten Schritt zu gehen. Das heißt, die Prozessabdeckung zu erweitern um Funktionen wie Abrechnung, Finanzbuchhaltung usw. und eine End-to-End-Lösung zunächst für Vertriebsorganisationen auf den Markt zu bringen. End-to-End bedeutet: Von vertriebs- und marketingrelevanten Komponenten bis hin zu energiewirtschaftlichen Abwicklungs- und Abrechnungskomponenten werden alle wesentlichen Prozesse abgebildet. Dabei setzen wir auf dem etablierten Microsoft-Dynamics- Standard auf, der bereits eine Menge an Funktionalität mitbringt, und verknüpfen dies mit unseren eigenen Entwicklungen. Das heißt, Anwender arbeiten auf einer Plattform, die weit verbreitet ist, mit einer Technologie, die sie meist ohnehin schon im Hause haben, und profitieren von zukünftigen Microsoft-Innovationen.

Schütt: Was wir mit End-to-End meinen, lässt sich auch daran festmachen, dass wir ein eigenes, ISO-27001-zertifiziertes Data Center betreiben, über das wir Stadtwerk365 als Software as a Service zur Verfügung stellen können, sei es aus dem ITVT-Rechenzentrum, aus der Microsoft- Cloud oder aus dem kundeneigenen Rechenzentrum. End-to-End heißt schließlich ebenso, dass wir dem Kundenwunsch nach einem One-Stop-Shop entsprechen. Der Kunde möchte nicht mit einer Vielzahl von Software-Lösungen und Anbietern unterwegs sein, die er koordinieren und steuern muss. Vielmehr wünscht er sich einen Partner und eine Lösung, die ihn auf schlanke Weise in der benötigen Flexibilität hochautomatisiert und effektiv unterstützen. So setzen wir beispielsweise auf virtuelle Assistenten, Chatbots und künstliche Intelligenz, die den EVU-Mitarbeitern Prozesslast und Komplexität abnehmen und sie in die Lage versetzen, sich ganz operativen Vertriebsaufgaben zu widmen.

Sie sprachen vom Kostendruck. Welches Ventil bietet Ihre Lösung systemseitig?

Klipfel: Durch den All-in-One-Ansatz brauchen unsere Kunden nicht mehr einen Park an IT-Lösungen, sondern nur noch eine. Allein das bedeutet eine wesentliche Kostenersparnis. Außerdem wirkt der Cloud-Effekt kostendämpfend, weil der Nutzer sich nicht um Aufgaben wie Systembetrieb, -pflege und -administration kümmern muss. Zudem bieten wir eine arbeitspreis-basierte Abrechnung. Der Kunde zahlt also nur, was er an Leistung abruft und verbraucht.

Welche Unternehmen adressieren Sie in einem Markt, den Verdrängungswettbewerb und meist lange Wege bis zur Investitionsentscheidung prägen?

Schütt: Wir erleben aktuell eine große Resonanz bei Energielieferanten, die aus anderen Branchen stammen und neu in den Energiemarkt eingestiegen sind. Solche Unternehmen haben Anfangs oft mit externen Anbietern zusammengearbeitet, um bei Aufgaben wie Marktkommunikation und Abrechnung wenig eigene Fertigungstiefe aufbauen zu müssen. Diese Unternehmen erkennen aber jetzt, dass ihr Erfolg am Markt es erfordert, selbst Know-how aufzubauen, um in einer höheren Qualität und mit den entsprechenden Differenzierungsmerkmalen agieren zu können. Darüber hinaus gibt es klassische Stadtwerke und Energieversorger, die sich gezwungen sehen, im Zuge der Digitalisierung und des steigenden Wettbewerbs Systeme zu konsolidieren. Und es sind große überregionale Energieversorger, die parallel unter anderem Label eine neue Produktlinie aufbauen und dafür eine IT-Lösung benötigen, damit sie schnell damit an den Markt gehen können.

„Interessenten erkennen den vielfältigen Nutzen“

Wie ist das Echo aus dem Markt?

Klipfel: Wir haben Stadtwerk365 inzwischen auf verschiedenen Veranstaltungen vorgestellt und viel Zuspruch gefunden. Interessenten erkennen den vielfältigen Nutzen, insbesondere im Bereich der Automatisierung und den Möglichkeiten der Kundeninteraktion. Das Echo ist auch deshalb gut, weil wir eine stufenweise Einführung ermöglichen. Häufig erfolgt der Einstieg über das CRM, mit der Perspektive, später die Komplettlösung zu nutzen. Mit mehreren Pilotkunden wurde Stadtwerk365 entwickelt, getestet und verfeinert.

Meine Herren, vielen Dank für das Gespräch.

Verfasser: Jochen Klipfel & Marc Schütt
Quelle: Artikel in BWK – Das Energie-Fachmagazin 11/2017, S. 31-33; www.energiefachmagazin.de